Wirtschaft » Artikel Berlin, 05.09.2010   


Strafgesetze schrecken nicht vor Handel mit Kindersklaven

Im westafrikanischen Kamerun floriert der Handel mit Kindersklaven. Viele dieser auf drei Millionen geschätzten ausgebeuteten Minderjährigen werden aus Nachbarländern über die Grenze geschmuggelt. Zwar verbietet in Kamerun ein seit Anfang des Jahres geltendes Gesetz bei Androhung von Gefängnis- oder hohen Geldstrafen unter 18-Jährige als Arbeitskräfte zu beschäftigen und Kinderhandel zu betreiben. Doch bislang wurden weder Eltern noch Kinderhändler verklagt.

Für Helen Angwa ist die Welt auch um vier Uhr morgens nicht in Ordnung. Dann beginnt in Kameruns Hauptstadt Jaunde für die 13-Jährige ein langer, schwerer und unbezahlter Arbeitstag als Haushaltshilfe und Kneipenbedienung. Ihre Mutter hatte sie als Neunjährige an die Besitzerin eines Restaurants verkauft.

Sie fühle sich als Leibeigene, klagte Angwa, als sie in holprigem Französisch mit IPS sprach. In ihrem Heimatdorf Santa in der Nähe der Stadt Bamenda im Westen Kameruns, 400 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, spricht man Englisch. "Meine Eltern erklärten mir damals, sie könnten nicht für mich sorgen, doch in Jaunde, bei meiner 'neuen Mutter', werde es mir gut gehen", berichtete sie. Jetzt bekomme sie nicht einmal genug zu essen. "Ich nehme mir etwas, wenn die Chefin nicht da ist. Manchmal steckt mir auch ein Kunde etwas zu", klagte sie.

Emilienne Efon, Angwas Chefin, will von Ausbeutung nichts wissen. Gegenüber IPS verteidigte sie sich: "Ich brauchte damals ein Hausmädchen, und eine Freundin riet mir, mir in Santa eine Bedienung zu kaufen", berichtete sie freimütig. "Bei ihrer Ankunft hier in Jaunde war Angwa ein Kind, jetzt ist sie eine Frau. Sie tut alles, was ich ihr sage und macht mir keine Probleme. Kann man da etwa von einer Gefangenen sprechen?"

Vielen Kindern in Kamerun geht es wie Angwa. "Sie sind Sklaven, und zwar mit Zustimmung ihrer Eltern", erklärte Joseph Chongsi Ayeah, Präsident des nichtstaatlichen 'Centre for Human Rights and Peace Advocacy' in Bamenda. In einem Telefoninterview mit IPS sagte er: "Sie überlassen ihre Kinder zwielichtigen Käufern aus den Großstädten oder anderen Abenteurern."

Als Plantagenarbeiter, Hausmädchen oder Prostituierte ausgebeutet

Die Region Bamenda ist von dem Geschäft mit den Kindersklaven besonders betroffen. "80 Prozent der Bevölkerung sind entweder selbst Opfer oder handeln mit Kindern", versicherte der Menschenrechtsaktivist.

Chongsis Organisation hat im Juni einen Bericht über das Geschäft mit den Heranwachsenden in Kamerun veröffentlicht. Danach schuften die meisten Kinder auf den großen Kaffee- und Kakaoplantagen im Süden des Landes. Andere arbeiten als Straßenhändler oder als Hauspersonal. Die Mädchen arbeiten im Haushalt, bedienen in Kneipen, die meist erst abends öffnen, werden sexuell ausgebeutet oder im Auftrag der Chefin als Prostituierte auf die Straße geschickt.

Die Vertretung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Jaunde schätzt, dass es letztes Jahr in Kamerun etwa 60.000 Opfer von Kinderhandel gab. Die in Jaunde ansässige Nichtregierungsorganisation (NGO) 'Horizon jeunesse' spricht von drei Millionen Kindern, die als unbezahlte Sklaven oder in Arbeitsverhältnissen schuften, die sich von Sklaverei kaum unterscheiden.

Amtlichen Schätzungen zufolge sind rund 56 Prozent der fast 17 Millionen Kameruner noch keine 20 Jahre alt. Die Armut im Land ist groß. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze und muss mit umgerechnet weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen.

Nach einer von der nationalen Statistikbehörde und dem Weltkinderhilfswerk UNICEF gemeinsam erarbeiteten Studie, die 2005 veröffentlich wurde, leisten in Kamerun fünf Prozent der Vier- bis Vierzehnjährigen unbezahlte Arbeit. Bei jedem Vierten dieser Altersgruppe, dessen Arbeit bezahlt wird, kassiert eine nicht zur Familie gehörende Person den Lohn.

Auch Nachbarländer bedienen sich

"Aus Kamerun, dem früheren Transitland für den Kinderhandel, ist seit einigen Jahren eine Drehscheibe für Kinderhandel und Prostitution geworden, das auch von Nachbarländern wie Gabun, Nigeria oder Zentralafrika beliefert wird", berichtete Léon Noah Manga, der das Beratungskomitee eines Projektes gegen die Ausbeutung von Kindern in West- und Zentralafrika leitet.

"Allein im Juni wurden an Kameruns Grenzen 200 einheimische Kinder sowie rund 60 Kinder aus Benin und Nigeria abgefangen. Schlepper sollten sie bei Auftraggebern in Gabun und Äquatorialguinea abliefern. Die Grenzpolizei brachte die Kinder zu ihren Familien zurück, doch die Hintermänner des Kinderhandels wurden nicht gefunden", berichtete Manga.

Zivile Organisationen geben unverantwortlichen und unwissenden Eltern eine Mitschuld an der Ausbeutung der Kinder. Nicolas Mukama, der Vorsitzende der NGO 'Horizont jeunesse', sieht jedoch die Hauptursache in der Wirtschaftkrise. "Sie stürzt die Familien in Not und löst die familiären Bindungen auf", sagte er. Da zudem fast 60 Prozent der unter 15-Jährigen Drogen nähmen, würden sie besonders leicht Opfer von Menschen- und Drogenhändlern.

Ohne Anzeigen und konkrete Hinweise bleibe das vorhandene Gesetz gegen die Ausbeutung von Kindern wirkungslos, meinte Ghislaine Eballe vom Sozialministerum. "Wir können nichts unternehmen. Die meisten Menschen glauben ohnehin, dass Eltern mit ihren Kindern machen können, was sie wollen", betonte die Beamtin. Sie versicherte "Wir fordern dennoch alle Eltern und alle, die Kinder lieben, auf, solche kriminellen Machenschaften anzuzeigen, denn die Kinder sind die Zukunft unseres Landes." (ips)

Artikel vom 23.10.2006 (Sylvestre Tatchiada)


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Republik Kamerun



Hauptstadt: Yaoundé
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Klima: tropisch
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Größe: 475.440 km²
Einwohnerzahl: ca. 17.000.000
Währung: CFA-Franc (100 Centimes)
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