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Kinderarbeit in Marokko - arme kleine Mädchen schuften im Haushalt
Habiba Hamrouch war acht Jahre alt, als ihre Eltern sie einer Familie als Hausmädchen überließen. Die Marokkanerin hasst ihren Vater, der ihr und ihren beiden Schwestern, denen es nicht besser erging, die Kindheit raubte. Heute steht für die inzwischen 22-jährige verheiratete Mutter zweier Kinder fest: Ihren eigenen Kindern wird sie ein solches Schicksal ersparen.
Die zehnjährige Tochter Sanaa geht zur Schule, bringt gute Noten nach Hause und soll später ein selbstbestimmtes Leben führen können. Ihre Mutter lernt derweil in Alphabethisierungskursen lesen und schreiben, denn sie will den Kindern eine echte Hilfe sein.
Bezahlte Kinderarbeit ist in Marokko illegal. Ein Gesetz verbietet die Beschäftigung von unter 15-Jährigen. Dennoch lassen in den Städten viele tausend Familien die Hausarbeit von kleinen Mädchen erledigen, von denen manche erst fünf Jahre alt sind. Sie sind ihren Arbeitgebern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, dürfen nicht zur Schule gehen, werden häufig nicht ordentlich ernährt und sind medizinisch schlecht versorgt. Misshandlungen und sexuelle Übergriffe sind keine Seltenheit. Den Hungerlohn, den die Kinder für ihren bis zu 18 Stunden dauernden Arbeitstag bei einer Siebentagewoche verdienen, liefern die Arbeitgeber direkt bei den Eltern ab.
Die schrecklichen Erinnerungen an die zehn Jahre ihres Dienstmädchenjobs quälen Hamrouch noch heute. "Ich habe schreckliche Dinge gesehen, und ich verachte meinen Vater dafür, dass er mir das angetan hat. Ich war eine arme kleine Dienerin und besaß nichts. Meine Mutter konnte nichts gegen meinen Vater ausrichten. Sie weinte nur, denn wir waren wirklich in Not. Etwas eigenes Geld habe ich erst mit 17 Jahren bekommen", berichtete sie.
Als Hafida Hosman, wie sie sich aus Sicherheitsgründen nennt, mit 14 Jahren von ihrer Mutter als Hausmädchen zu einer wohlhabenden Familie in Marokkos Hauptstadt Rabat gebracht wurde, hatte sie, sobald die Erwachsenen das Haus verließen, alle Hände voll zu tun, um sich der Zudringlichkeiten der beiden 16 und 17 Jahre alten Söhne der Herrschaft zu erwehren. "Sie waren schrecklich verwöhnt und glaubten sich alles erlauben zu können", berichtete sie IPS. Mit Hilfe einer Nachbarin gelang der jungen Frau vier Jahre später die Flucht.
Sexuelle Übergriffe sind in Marokko ein Tabuthema. Weil sie nur schwer zu beweisen sind, aber auch aus Scham ziehen es die betroffenen jungen Frauen in der Regel vor zu schweigen. Wenn sie versuchen, aus dem Haus ihres Patrons zu fliehen, kann dieser sie von der Polizei zurückbringen lassen.
"Es ist ein Skandal zu sehen, dass in Marokko so viele Mädchen, die eigentlich die Schulbank drücken sollten, mit Putzlappen und Besen hantieren, die oft größer sind als sie selbst", klagte Fouzia Tawil im Gespräch mit IPS. Sie arbeitet in Marokkos Wirtschaftmetropole Casablanca für die Nichtregierungsorganisation (NGO) 'L'Association de défense des droits de la femme et de l'enfant' (ADDFE). "Diese Mädchen kennen nichts anderes als Hausarbeit, Abwasch und Kinderhüten. Ihre Kindheit wird ihnen gestohlen", erklärte die marokkanische Aktivistin.
Töchter aus armen Familien
Eine 2001 mit Hilfe des Weltkinderhilfswerks UNICEF durchgeführte Untersuchung stellte fest, dass in marokkanischen Großstädten wie Rabat und Casablanca 59 Prozent der rund 22.000 Mädchen unter 18 Jahren, die im Haushalt beschäftigt waren, noch keine 15 Jahre alt waren. Alle kamen aus armen Familien, in denen niemand lesen und schreiben konnte.
Auch die Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch' (HRW) aus New York hat die Ausbeutung kindlicher Hausmädchen in Marokko kritisiert. Der auf Interviews mit Betroffenen basierende HRW-Bericht 'Inside the Home, Outside the Law: Abuse of Child Domestic Workers in Morocco' wurde 2005 veröffentlicht.
Wie der Bericht unterstreicht, mussten die befragten Mädchen für einen Stundenlohn von sieben bis elf US-Cent die ganze Woche zwischen 14 und 18 Stunden arbeiten. "Zum Vergleich: In Marokko beträgt der Mindestlohn – die Landwirtschaft ausgenommen – umgerechnet 1,07 US-Dollar pro Stunde. Die Wochenarbeitszeit ist auf 44 Stunden begrenzt, die tägliche Arbeitsdauer auf zehn Stunden", heißt es in dem Report. In kaum einem anderen nordafrikanischen oder nahöstlichen Land sei Kinderarbeit so verbreitet wie in Marokko.
Von der Justiz ist keine Hilfe zu erwarten
Die Menschenrechtsorganisation beklagte auch die Untätigkeit von Polizei, Staatsanwälten und Richtern, die es versäumen, die einschlägigen Bestimmungen des Strafgesetzes zu Gunsten von missbrauchten oder ausgebeuteten kindlichen Hausangestellten durchzusetzen. In dem Report heißt es: "Die Eltern machen sich ohnehin kaum die Mühe, ihre Töchter einem Verfahren auszusetzen, das diese stigmatisiert und von dem sie selbst keinen direkten Nutzen haben."
Dabei hat Marokko die UN-Konvention über Kinderrechte ratifiziert, die die wirtschaftliche Ausbeutung von Kindern ächtet.
Eine gewerbsmäßige Vermittlerin von Hauspersonal, die sich Fatima Zénoul nennt, findet nichts dabei, in Takaddoum, einer Siedlung am Rand von Rabat, junge Mädchen anzuwerben und pro Vermittlung umgerechnet 30 Dollar zu kassieren: "Den Eltern ist es egal, was mit ihren Töchtern geschieht. Warum sollte ich mich um sie kümmern? Ich bin doch nicht für sie verantwortlich. Wenn es einem Mädchen nicht gefällt, kann es gehen, und ich suche eine andere Familie und kassiere noch einmal die Vermittlungsgebühr."
Inzwischen hat sich Prinzessin Lalla Meriem, die älteste Schwester von König Mohamed VI., des Problems der Kinderarbeit in dem nordafrikanischen Königreich angenommen. Seit zwei Jahren wird in Marokko an einer Strategie zur Förderung und Unterstützung von Kinderrechten gearbeitet. Ein eigenes Kinderparlament befasst sich mit Missbrauch und Ausbeutung von Kindern.
Auf der dritten Regionalkonferenz über Gewalt gegen Kinder, die Ende Juni in Ägyptens Hauptstadt Kairo stattfand, kündigte die marokkanische Prinzessin die Einrichtung eines Kinderschutzzentrums an. Hier sollen die jungen Klienten auch juristischen Beistand und, falls erforderlich, auch psychologische Hilfe erhalten. Ebenfalls Ende Juni ist in Marokko eine Kampagne zur Bildungsförderung junger Hausangestellter angelaufen. (ips)
Artikel vom 02.08.2007 (Amina Barakat)
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Unbenanntes Dokument
Länderinfo
Königreich Marokko
Hauptstadt: Rabat
Unabängigkeit: seit 02.03.1956
Klima: Mittelmeer- bis Wüstenklima
Amtssprache: Arabisch
Größe: 459.000 km²
Einwohnerzahl: ca. 33.000.000
Währung: Dirham (100 Centimes)
Telefonvorwahl: +212
KFZ-Kennzeichen: MA
Internet-TLD: .ma
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