Kultur » Artikel Berlin, 10.09.2010   


Schulangebote für Pygmäenkinder

Dank internationaler Hilfsprogramme und engagierter Regierungsbehörden ist es in der Republik Kongo (Brazzaville) gelungen, mehr als 5.500 Kinder der ethnischen Minderheit der Pygmäen einzuschulen. Mehr noch: Die meisten Kinder bleiben bei der Stange und besuchen die Grundschule regelmäßig, anstatt wie bisher die Schulbänke wieder mit den Hütten im zentralafrikanischen Regenwald zu vertauschen.

98 Prozent der 3,9 Millionen Kongolesen sind Angehörige von Bantuvölkern. Die kleine Ethnie der Pygmäen, die als die frühesten Bewohner Zentralafrikas gelten und dort als nomadisierende Jäger und Sammler im Regenwald lebten, wurde durch lange Bürgerkriege und durch die zunehmende Abholzung der Tropenwälder immer mehr aus ihren traditionellen Lebensräumen verdrängt.

Alexis Mfoukou Mouko, Koordinator des vom UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) unterstützten, für Pygmäenkinder entwickelten Grundschulprogramms (PRAEBASE), betonte im Gespräch mit IPS: "Seitdem die Kinder in der Schulkantine eine Mahlzeit und bei der Einschulung ein Paar Schuhe sowie eine Tasche mit Schulutensilien erhalten, trägt unsere Arbeit Früchte."

Der Erfolg des Programms habe erst kürzlich einen Schulinspektor überrascht. "Er hat mir nach der Besichtigung der Grundschule von Ngo in Zentralkongo erklärt, er habe in den vorangegangenen fünf Jahren nirgendwo erlebt, dass Pygmäenkinder regelmäßig zum Unterricht kamen", berichtete er.

Weltbank finanziert Pilotprojekt für 1.500 Pygmäenkinder

Die Weltbank hatte der Republik Kongo 2003 insgesamt 20 Millionen Dollar für Bildungsprogramme zur Verfügung gestellt. Mit einem Teil des Geldes wird ein Pilotprojekt unterstützt, das 2005-2006 in drei Verwaltungsbezirken Grundschulen für rund 1.500 Pygmäenkinder eingerichtet hat.

Das Projekt wurde 2006-2007 fortgesetzt und soll zu Beginn des nächsten Schuljahres auf drei weitere Regionen ausgedehnt werden. "Wir sind vorbereitet, im Südwesten, in Lékoumou, Bouenza und Pool sowie im Süden, in Kouilou, rund 4.000 weitere Pygmäenkinder einzuschulen", kündigte Mfoukou Mouko an. "Dort müssen wir Kindern helfen, deren Eltern Opfer der Bürgerkriege geworden sind."

Der Experte räumte ein, es sei schwierig, diese Kinder in der Schule zu halten. Nachdem jedoch eine von PRAEBASE im Oktober vergangenen Jahres im Departement Lékoumou durchgeführte Untersuchung herausgefunden hatte, dass die meisten Pygmäenkinder wegblieben, weil sie hungrig waren, habe man mit Hilfe des Welternährungsprogramms (WFP) landesweit 113 Kantinen eingerichtet.

"70 Prozent der Kinder bleiben"

Jetzt hält die Aussicht, täglich etwas zu essen zu bekommen, die Kinder in der Schule. "Die Pygmäenkinder sind zurückgekommen, und 70 Prozent von ihnen bleiben auch", berichtete der zuständige Projektleiter Corneille Oko vom WFP. "Die Regierung in Brazzaville hat uns aufgetragen, weitere 40 Schulkantinen einzurichten."

"Wer zu spät oder gar nicht kommt, bekommt nichts zu essen", berichtete Oko. Nach Angaben des Welternährungsprogramms werden jährlich bis zu 71 Tonnen Lebensmittel für die Schulkinder bereitgestellt. Die Tagesration für jedes Kind besteht aus 150 Gramm Reis, 20 Gramm Bohnen, 15 Gramm Öl und fünf Gramm Salz. Das Kochen besorgen Frauen aus dem Dorf, die mit einer Essensration für fünf Erwachsene entlohnt werden.

Das WFP versorgt vier Grundschulen für Pygmäenkinder, die in Ngo, in Nkou, Bené und Nsa im Zentrum des Landes eingerichtet wurden. In den Bezirken Lékoumou und Niari im Südwesten betreibt die US-amerikanische Hilfsorganisation 'International Partnership of Humanitarian and Development' (IPHD) die Schulkantinen.

"Früher sind die Kinder der Pygmäen nicht zur Schule gekommen. Sie begleiteten ihre Eltern, die sich nicht um einen regelmäßigen Schulbesuch kümmerten, auf der Jagd", erklärte der Lehrer Jean Jules Koumba. Er unterrichtet an einer Schule in Sibri, der Distrikthauptstadt von Lékoumou. "Doch seitdem die Amerikaner hier Schulkantinen eingerichtet haben, kommen wesentlich mehr Pygmäenkinder zum Unterricht", berichtete er.

"Das Bildungsprogramm, das PRAEBASE hier bei uns in Niari aufgebaut hat, ist wirklich eine gute Sache", lobte Henri Mapiemé im Gespräch mit IPS. "Früher wurden unsere Kinder von ihren Mitschülern, den Bantu, verhöhnt, weil sie schäbig gekleidet waren und oft nicht einmal Hefte dabei hatten. Jetzt sind sie fleißige Schüler", berichtete der Pygmäe und Vater eines Schulkindes.

Um die Fortdauer des Pilotprojektes zu garantieren ist jetzt die einheimische Bevölkerung aufgefordert, sich zu beteiligen. Es werden Gemüsegärten angelegt, deren Erzeugnisse die Schulmahlzeiten ergänzen und bereichern.

Marguerite Wayé, deren Kind eine Pygmäenschule besucht, verlangt von den Behörden mehr Engagement. "Früher, als es in Impfondo im Norden noch die Pygmäenschulen der katholischen Schwestern gab, brauchten wir nichts für die Schulen zu bezahlen. Seitdem sie weggezogen sind, müssen wir alle Schulsachen kaufen. Wie soll das gehen, unsere Kinder leben doch im Wald", klagte sie.

Sprache und Kultur der Pygmäen berücksichtigen

Katholische Ordensschwestern hatten im Norden des Kongo fünf Schulen eingerichtet, in denen Pygmäenkinder, die in staatlichen Schulen diskriminiert wurden, den Umgang mit Buchstaben und Zahlen erlernten.

'ORA' ('Beobachten, nachdenken, handeln') nennt sich ein bewährtes, auf den besonderen sprachlichen, sozialen und kulturellen Hintergrund der im Kongo, in Burundi, Gabun, Kamerun und Zentralafrika lebenden Pygmäenvölker ausgerichtetes Unterrichtsprogramm.

"Es genügt nicht, dafür zu sorgen, dass Pygmäenkinder in der Schule nicht hungern müssen. Die Unterrichtspädagogik muss die anderen Bedürfnisse dieser Schüler berücksichtigen, damit sie ihren Bildungsrückstand aufholen und ihre Kompetenz verbessern können", betonte Mfoukou Mouko.

Das UN-Kinderhilfswerk (UNICEF), einer der Initiatoren des im Kongo und anderen afrikanischen Staaten etablierten Programms 'Bildung für alle', hat die staatlichen Bildungspläne kritisiert, weil die Kinder der Pygmäenvölker darin nicht angemessen berücksichtigt werden. UNICEF-Programmassistent Emmanuel Bayeni, meinte: "Die Lehrpläne gehen weder auf die Umgebung, in der diese Kinder leben, noch deren Kultur ein." (ips)

Artikel vom 24.08.2007 (Arsène Séverin)

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Republik Kongo



Hauptstadt: Brazzaville
Unabängigkeit: seit 15.08.1960
Klima: feucht-heiß
Amtssprache: Französisch
Größe: 342.000 km²
Einwohnerzahl: ca. 3.600.000
Währung: CFA-Franc (100 Centimes)
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