Wissenschaft » Artikel Berlin, 05.09.2010   


Initiativen in Benin erfolgreich - Levirat bleibt ein zentrales Problem

Die Krankheit ist in ihrem Verlauf schwer und führt häufig zu einer raschen Schwächung der Gesamtkonstitution. Hinzu kommt die Stigmatisierung der erkrankten Menschen in der Gesellschaft. Dies führt zu einer Vereinsamung, die das körperliche Schicksal noch unerträglicher macht. Doch gerade der körperliche Verfall lässt die Erkrankten so sehr auf Hilfe angewiesen sein.

Ignace Ahouaga wollte etwas gegen die soziale Ausgrenzung der Kranken tun. Deshalb hat er im Jahr 2003 die Hilfsorganisation 'Association des personnes vivant avec le VIH/SIDA' (APVVIH) gegründet. Primäres Ziel ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und die Förderung der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung unter den Mitgliedern.

"Wenn wir unsere aidskranken Brüder zu Hause besuchen, müssen wir oft feststellen, dass sie sich kaum ernähren können. Das verschlimmert ihre Krankheit noch. Auch im Krankenhaus essen sie sehr schlecht", beklagt Martin Sèdégla, Mitglied der Hilfsorganisation 'Association des personnes vivant avec le VIH/SIDA' (APVVIH), die sich in Klouékanmé, im Südwesten von Benin, um HIV-infizierte und aidskranke Menschen kümmert.

"Die Immunschwäche ist wie ein anschwellender Fluss, der alles zerstört", sagt APVVIH-Präsident Ignace Ahouaga im Gespräch. "Die Betroffenen haben keine Möglichkeit, gegen das Virus anzukämpfen. Viele von ihnen sterben sehr schnell." Das Programm der APVVIH hat das Leben der aidskranken Menschen in vielerlei Hinsicht verbessert. Trotz maßgeblicher Fortschritte spürt APVVIH-Präsident Ahouaga jedoch eine unruhige Stimmung. Er ist in Sorge, dass der Hauptträger der Organisation, die IFAD, keine ausreichenden finanziellen Mittel mehr findet, um das Programm auch weiterhin zu unterstützen.

Nach Angaben von Benoît Daoundo, Koordinator des Aidsprogramms der regionalen Nichtregierungsorganisation (NGO) 'Institut de formation et d'action pour le développement' (IFAD), beträgt die Infektionsrate auf nationaler Ebene 1,9 Prozent, im Bezirk Couffo, wo Klouékanmé liegt, aber drei Prozent. Polygamie spiele bei der Verbreitung eine entscheidende Rolle Männer seien am meisten betroffen, weil sie mehr reisten und häufiger die Partner wechselten.

Das Levirat, ein alter Brauch, nach dem der Bruder eines verstorbenen Mannes verpflichtet ist, dessen Witwe zu heiraten, stellt momentan eines der größten Hindernisse im Kampf gegen Aids dar. 2004 seien etliche Männer gestorben, weil sie sich bei den HIV-positiven Witwen ihrer toten Brüder angesteckt hätten, bedauert Daoundo.

Aufklärung und Betreuung

Laut IFAD-Generalsekretär Ignace Dato hängt die Hilfe, die die Organisation in einigen Dörfern des Bezirks leistet, maßgeblich von der finanziellen Unterstützung der NGO 'Plan Benin' mit Sitz in der beninischen Hauptstadt Cotonou und der 'Fondation américaine pour le développement en Afrique' ab. "Wir führen einen komplexen Kampf gegen HIV/Aids mit dem Ziel, das Wissen der Öffentlichkeit über sexuell übertragbare Krankheiten zu verbreitern."

Eine der Hauptaufgaben der Organisation besteht darin, sich um Aidswaisen zu kümmern und ihnen eine medizinische, psychologische und schulische Versorgung zu ermöglichen. Momentan ist IFAD für die Pflege von etwa 190 Aidswaisen und 80 HIV-Infizierten rund um das Dorf Klouékanmé verantwortlich. Das westafrikanische Benin gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Offiziellen Statistiken zufolge leben über 50 Prozent der 6,7 Millionen Einwohner unter der Armutsgrenze von weniger als einem US-Dollar am Tag.

Die Zahl der Aidskranken, die mit anti-retroviralen Medikamenten behandelt werden, ist unter dem nationalen Anti-Aids-Programm PNLS von 1.100 im Jahr 2002 auf 1.800 im Jahr 2004 gestiegen. Etwa 80 Prozent aller Infizierten zahlen ungefähr zwei Dollar monatlich, um die vom Staat subventionierten Medikamente zu erhalten. Die realen Kosten der Behandlung belaufen sich auf 160 bis 500 Dollar.

Um die Versorgung der Kranken zu gewährleisten, erhält Benin Unterstützung durch den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Laut PLNS beträgt die Hilfe für den Zeitraum 2003 bis 2005 11.384 Millionen Dollar. Im März hat der Staat neue Finanzmittel erhalten, um annähernd 6.000 HIV-Positive zu behandeln. Mit der Unterstützung der von Plan Benin und der Weltbank hat die APVVIH zusätzlich ein Projekt entwickelt, das bedürftigen Kranken und betroffenen Familien mit Lebensmittelspenden unter die Arme greift.

Tabus brechen

IFAD versucht auch Schulkinder für die HIV/Aids-Problematik zu sensibilisieren. Für dieses Projekt wurden 150 Betreuer ausgebildet. Mit Hilfe von Dokumentarfilmen und Sketchen sollen die Kinder an das heikle Thema herangeführt werden.

Um die Tabus rund um die Infektion zu brechen, suchen die Verantwortlichen auch die Unterstützung von Betroffenen. "Die Dorfbewohner haben durch ihre Berichte verstanden, dass es im Falle einer Ansteckung nicht sinnvoll ist, sich zu verbergen", sagt Daoundo. "Wir haben vielen Menschen die Augen öffnen können. Sie wissen mittlerweile, dass man mit einem Aidskranken ohne Risiko zusammen leben kann."

Für Daoundo ist der größte Erfolg des Programms, dass sich HIV-Infizierte nicht mehr verstecken und offen mit ihrer Krankheit umgehen. Sie würden sich oft im Radio, Fernsehen oder in den Dörfern zeigen. "Das ist die beste Art, den Kampf gegen die Stigmatisierung der Kranken zu gewinnen. Das mag am Anfang etwas schwierig erscheinen, aber es gelingt uns zunehmend, die Mentalität der Menschen zu ändern", sagte auch Ahouaga, der selbst mit dem Virus lebt. Die Krankheit habe viele Paare oder ganze Familien zerstört.

Alle Programme sind sehr positiv in ihrer Wirkung. Doch brauchen sie eine kontinuierliche Finanzierung. Dies muss international garantiert werden, um diese verlässliche Arbeit fortführen, oder besser noch, ausbauen zu können. (ips)

Artikel vom 02.05.2005 (Adel Arab/ ips)

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