|
|
|
Politik » Artikel
|
Berlin, 08.02.2012 |
Verbote von Genitalverstümmelung allein nicht wirksam
Der Kampf gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen (FGM) mit Gesetzen und Strafandrohung hat in den Ländern Westafrikas nicht den angestrebten Erfolg gebracht. Experten empfehlen deshalb, die äußerst umstrittene Tradition mit einer umfassenden und überzeugenden Informationsarbeit an der Basis zu eliminieren.
"Aufklärung, die Unterstützung von zivilen Gruppen, die fortschreitende soziale Entwicklung eines Landes und das Vorbild anderer Länder bringen uns dazu, die Exzision ganz allmählich abzuschaffen", meint der Informatiker Barnabé Coulibaly, der für den Entwicklungsdienst im westafrikanischen Mali arbeitet.
Coulibaly war einer der Experten aus Burkina Faso, Mali und Senegal, die vom 2. bis 4. Mai in Senegals Hauptstadt Dakar im Zusammenhang mit der weiblichen Genitalverstümmelung über Fortschritte ihrer eigenen Aufklärungsarbeit, die Verbesserung der Informationsstrategien durch den Einsatz von Kommunikationstechnologien sowie über die Wirksamkeit von Beschneidungsverboten diskutierten.
Solange Öffentlichkeit und Bevölkerung eines Landes nicht hinter den Bemühungen um eine Ausrottung der weiblichen Genitalverstümmelung stünden, ließe sich auch mit einem gesetzlichen Verbot kein wirklicher Fortschritt erzielen, hieß es auf dem dreitägigen Symposium der Nichtregierungsorganisation 'Enda Tiers-Monde' teilnahmen.
Etliche afrikanische Länder wie Benin, Burkina Faso, Nigeria, Senegal, Somalia, Tansania, Togo, Uganda und die Zentralafrikanische Republik hatten zwischen Mitte der 90er Jahre und Anfang 2000 entsprechende Gesetze verabschiedet und das Verbot mit Sensibilisierungskampagnen begleitet. Dennoch wird die FGM weiterhin praktiziert.
In Burkina Faso verboten, in Mali erlaubt
In Ländern wie Mali, wo solche Gesetze fehlen, wird weiterhin ein extrem hoher Prozentsatz der Mädchen dieser schmerzhaften Prozedur unterzogen, die mit lebenslangen Gesundheitsschäden verbunden sein kann. 1998 waren es 98 Prozent, heute sind es nach Angaben einer 2007 durchgeführten Volksbefragung noch 91,5 Prozent.
Lanceny Diallo, der Malis Programm der integrierten Entwicklung leitet, erkennt darin eine positive Entwicklung, Die Zahl der Beschneidungen sei in Mali rückläufig. "Sie ist dem Engagement der Öffentlichkeit, der kommunalen und Dorfbehörden sowie der Unterstützung durch traditionelle Führer zu verdanken", betonte er.
In Burkina Faso ist die weibliche Beschneidung seit 1998 verboten. "Obwohl den Beschneiderinnen mehrjährige Gefängnisstrafen drohen, machen sie weiter", berichtete der Aktivist Toussain Sankara von der burkinischen Nichtregierungsorganisation (NGO) 'Mousso Dambé' ('Würde der Frauen'). "Sie ignorieren immer noch die möglichen gesundheitlichen Folgeschäden der FGM wie Blutungen, Fisteln, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und das erhöhte Risiko einer Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten."
Im September 2004 schickte ein Gericht in Burkina Faso Adama Barry für drei Jahre ins Gefängnis. Die 54-Jährige hatte an 16 kleinen Mädchen im Alter zwischen zwei und acht Jahren eine Genitalverstümmelung vorgenommen. Das Gericht bezeichnete Barry als eine notorische Wiederholungstäterin. Sie war zuvor schon etliche Male zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt worden.
Zwölf Jahre lang, von 1992 bis 2004, hatte Burkina Fasos Komitee zur Bekämpfung der FGM eine Aufklärungskampagne durchgeführt. "Sie bewirkt mehr als das Gesetz", stellte der Aktivist Sankara fest. Diese Bemühungen würden jedoch unterlaufen, solange Eltern etwa im Nachbarland Mali, wo aus Furcht vor möglichen Protesten die Genitalverstümmelung nicht verboten wurde, die Prozedur vornehmen ließen, kritisierte Marie-Hélène Mottin Sylla von 'Enda Tiers-Monde'. Auch in entlegenen ländlichen Regionen, ließen sich Exzisionen durchführen, ohne dass eine Strafverfolgung zu befürchten sei, berichtete Tago Haoua Koné von 'Mousso Dambé.
Die Menschen überzeugen
Im Gespräch mit IPS betonte Mamadou Guène, Koordinator der zivilen Organisation 'Education à la vie familiale' (EVF): "Uns ist nicht daran gelegen, durch ein Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung die Gefängnisse zu füllen. Wir wollen die Menschen überzeugen und sie dazu bringen, ihre Einstellung zu dieser Praxis zu ändern."
"Gesetzliche Verbote bestrafen nur", kritisierte Sylla. Sie schlug vor, diese "beschränkte, negative Sicht durch einen weit positiveren, konstruktiven Ansatz" zu ersetzen.
Nach Ansicht der Aktivistin Koné wirkt sich aber auch das burkinische Verbot der FGM positiv aus. "Beschneidungen werden aufgegeben, wenn Strafen zu befürchten sind", sagte sie. ´"Darüber hinaus muss ein begleitendes Aufklärungsprogramm dafür sorgen, dass die Menschen über die Folgen der Genitalverstümmelung Bescheid wissen und nicht länger glauben, ein Verbot würde die angestammten Rechte der Beschneiderinnen verletzen." (ips)
Artikel vom 10.05.2008 (Souleymane Faye)
weiterführende Links:
|
|
|
|
Presse
Zeit: Rohstoffpreise - Die heimlichen Herrscher (Westafrika) +++
Zeit: Senegalesen haben Tricksereien ihres Präsidenten satt +++
NZZ: Witze über Bärte verboten - Haft für ägyptischen Komiker wegen Beleidigung der Religion +++
taz: Flüchtlinge aus Afrika - Tod auf hoher See (Kommentar) +++
taz: Neue Proteste in Dakar- Opposition auf der Straße +++
mehr...




Termine
09.02.2012 in Berlin
Worte des Lebens (Guinea)
11.02.2012 in München
Toiletten für Schulen und öffentliche Einrichtungen in Entwicklungsländern: Wie mache ich alles richtig?
17.02.2012 in Berlin
Afrika Kulturtag Moabit
mehr... |