Wirtschaft » Artikel Berlin, 05.09.2010   


Neue Kolonisatoren im Anmarsch - Ausländische Investoren kaufen Ackerland auf

Mit Sorge beobachten Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Europa, dass kapitalstarke Investoren aus Industrie- und bevölkerungsreichen Schwellenländern wie Indien und China in Entwicklungsländern große Agrarflächen ankaufen oder pachten, um dort für den Export bestimmtes Getreide oder Nachschub für die Agrosprit-Produktion anzubauen. In jüngster Zeit sind besonders arme afrikanische Länder südlich der Sahara Ziel dieser als neokolonialistische Landnahme kritisierten Entwicklung.

 
internationale NGO 'GRAIN'  
In Madagaskar hat der südkoreanische Konzern Daewoo Logistics 1,3 Millionen Hektar Land gepachtet, auf dem Mais und Ölpalmen angebaut werden sollten. In Erwartung lukrativer Geschäfte deckte sich der britische Investor Cru Investment Management im bitterarmen Malawi großflächig mit fruchtbarem Agrarland eingedeckt. In Südsudan sicherte sich der US-amerikanische Investmentbanker Philippe Heilberg mit Hilfe eines berüchtigten Warlords 4.000 Quadratkilometer Pachtland. Und Berichten zufolge plant die Regierung von Kongo-Brazzaville, weißen Farmern aus Südafrika zehn Millionen Hektar Land zur Bewirtschaftung zu überlassen.

Nicht selten mit Unterstützung der Regierungen vor Ort ist es ausländischen Investoren auch in Ägypten, Kamerun, Mosambik, Senegal und anderen afrikanischen Ländern gelungen, sich als neue Gutsherren zu etablieren.

"Bei diesen Investitionen handelt es sich um eine neue Form von Agrarkolonialismus", klagte der Journalist und Entwicklungsexperte Uwe Hoering im IPS-Gespräch. Er arbeitet für zahlreiche europäische NGOs und gibt einen Newsletter mit dem Titel 'Weltwirtschaft und Entwicklung' heraus.

Getreideexport und Nachschub für Biotreibstoff

Die Nahrungsmittelkrise des vergangenen Jahres mit ihren Rekordpreisen für Getreide sowie die gewaltige Nachfrage nach Agrosprit hätten dazu geführt, dass billig verfügbares, fruchtbares Agrarland inzwischen als besonders gewinnträchtige Investition gilt, betonte Hoering. "Afrika besitzt enorme Landreserven", erklärte er. "Nach Schätzungen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) werden auf dem afrikanischen Kontinent derzeit erst 14 Prozent der für die Agrarwirtschaft geeigneten Landflächen bewirtschaftet."

Die in Barcelona ansässige internationale NGO 'GRAIN', die sich für eine nachhaltige, auf den Erhalt der Artenvielfalt bedachte Landwirtschaft einsetzt, hat aufgelistet, wo und in wessen Auftrag in große Ländereien investiert wurde. Dabei stellte sich heraus, dass etliche Industriestaaten wie Japan und Schweden, aber auch die rasch wachsenden Schwellenländer China und Indien sowie erdölreiche Staaten wie Libyen und einige Golfstaaten beteiligt waren.

Auch multinationale Unternehmen der Finanzwirtschaft, darunter die Blackstone-Gruppe, die Deutsche Bank, Goldman & Sachs sowie Dexion Capital haben im Herzen Afrikas in neue Agrarenklaven investiert.

Für den inzwischen aufgekündigten Pachtvertrag über 1,3 Millionen Hektar Land, den Daewoo 2008 mit der damaligen Regierung der Inselrepublik Madagaskar abschloss, zahlte der südkoreanische Konzern Hoering zufolge nur einen symbolischen Betrag und versprach darüber hinaus Investitionen in die Infrastruktur des Landes.

Weltbanktochter IFC ebnet dem Agrobusiness den Weg

Die Weltbanktochter International Finance Corporation (IFC) engagiert sich ausdrücklich für "die Entwicklung des Agrobusiness". Im September 2008 kündigte sie an, sie werde derartige, nach der Nahrungsmittelkrise profitable Investitionen in Afrika, Lateinamerika und Russland massiv ausweiten. Mit einem Teil dieser Investitionen soll bislang wenig genutztes Land für die Produktion erschlossen werden. 2008 investierte die IFC 1,4 Milliarden US-Dollar in den Aufbau von Versorgungsketten der Agroindustrie. Davon flossen allein 900 Millionen Dollar direkt an Agrokonzerne.

Wie Hoering betonte, geht es Ländern wie Japan, Südkorea, China und Libyen bei ihren Investitionen in afrikanisches Agrarland vorrangig um die eigene gesicherte Versorgung mit Nahrungsmitteln. "Nach den wilden Spekulationen auf dem Getreidemarkt und dem massiven Preisanstieg für Lebensmittel haben diese Länder das Vertrauen in den Weltmarkt verloren. Sie wollen nicht länger von Spekulanten abhängig sein, sondern selbst die Kontrolle über eine gesicherte Nahrungsmittelproduktion übernehmen", sagte er.

Nach Ansicht von privaten Investoren wie das in Malawi engagierte Cru Investment Management ist die Agrarinvestition in Afrika allemal ein profitables Geschäft. So erklärte Cru-Sprecher Duncan Parker: "Afrika hat das Zeug, sich zu einem der weltweit führenden Nahrungsmittelproduzenten zu entwickeln. Sein Potential an Arbeitskräften ist groß, seine Böden sind ergiebig, und Sonne und Wasser gilt es reichlich."

Kritische Aktivisten befürchten allerdings, dass dieser verlockende Überfluss in Kombination mit einem schwachen politischen System vor Ort manche Investoren zum Missbrauch verleitet. Für den schlimmsten Skandal hat bisher der US-Investmentbanker Philippe Heilberg gesorgt, derzeit Vorstand des New Yorker Investmentfonds Jarch Capital. Er fädelte mit Hilfe des berüchtigten, auf eigene Rechnung arbeitenden Warlords Paulino Matip einen Deal ein, der ihm im Südsudan 4.000 Quadratkilometer Pachtland zusicherte."

Gegenüber US-Medien hatte der Banker zynisch erklärt, das politische und juristische Risiko, das er derzeit in Afrika eingehe, werde sich reichlich auszahlen, denn er könne damit rechnen, dass etliche afrikanische Staaten in den nächsten Jahren auseinander fielen.

Artikel vom 22.04.2009 (Julio Godoy /ips)


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