![]() |
Verein Agenda Spenden Kontakt |
| Aktuell Politik Wirtschaft Wissenschaft Kultur Tourismus Vermischtes |
Im Kampf gegen Mythen und Hähne
Malteser International kämpft im Südsudan gegen Lepra, Tuberkulose, HIV/AIDS und die
Vor ein paar Wochen hat er den Hahn auf dem Markt gekauft. Für 30 Dollar. Das Leben hier ist unbeschreiblich teuer. Für eine Ziege zahlt man rund 100 Dollar, eine Dose Fanta kostet doppelt so viel wie in Deutschland. Die meisten Menschen leben von dem, was sie selbst anbauen: Mais, Maniok, Bohnen. Fleisch können sich die wenigsten leisten – es sei denn, sie halten sich die Tiere selbst. Und genau das hat Vincent vor: Der Hahn soll der Henne auf dem Malteser Gelände in Maridi Gesellschaft leisten und so für Eier und Nachwuchs sorgen. Leider sieht der Hahn das anders: Nachts unterhält er mit Vorliebe die Nachbarschaft, tagsüber bekämpft er sich selbst in dem von außen verspiegelten Fenster. Seit meiner Ankunft vor zwei Wochen sind wir noch nie in den Genuss eines Frühstückseis gekommen. Ich wälze mich hin und her und versuche, das Krähen zu ignorieren. Mein Rücken schmerzt. Gestern waren wir 17 Stunden auf sudanesischen „Straßen“ unterwegs, auf dem Weg nach Bangolo, wo Malteser International ein Gesundheitszentrum unterstützt. Nach einer solchen Fahrt spürt man jeden einzelnen Knochen. Denn der Weg nach Bangolo führt sprichwörtlich durch den Busch. Man kämpft sich durch meterhohes Gestrüpp, Schlaglöcher und Bäume, die der letzte Sturm geknickt hat. Bangolo ist nur knapp 160 Kilometer von Maridi entfernt. Mit dem Auto dauert die einfache Fahrt jedoch knapp acht Stunden. Auf dem gesamten Weg sehen wir nur eine Handvoll Tukuls – die traditionellen afrikanischen Rundhütten – und drei Kinder, die mit Pfeil und Bogen auf der Jagd waren. In meinem ganzen Leben war ich noch nie an einem so abgelegenen Ort. In Bangolo treffen wir uns mit einem unserer Mitarbeiter, Victor David. James Mwanza, der Programmkoordinator von Malteser International in Maridi, kontrolliert die Patientenbücher sowie das Medikamentenlager und bespricht mit ihm das weitere Vorgehen in den kommenden Wochen. Nach einer Stunde machen wir uns wieder auf den Rückweg. Nachts kommen wir todmüde wieder in Maridi an. Lange Wege, unsichere Straßenverhältnisse, mangelnde Kommunikationsmöglichkeiten – das sind die täglichen Herausforderungen der Arbeit unseres Teams hier im Südsudan. Ich stelle mir vor, wie ermüdend es sein muss, erst einmal solche Hürden überwinden zu müssen, bevor man mit der eigentlichen Arbeit beginnen kann. „Ach, das ist alles nicht so schlimm“, winkt Vincent lachend ab. „Schwieriger für unsere Arbeit ist der Aberglaube der einheimischen Bevölkerung“. Denn Malteser International konzentriert sich im Maridi Distrikt auf Tuberkulose, HIV/AIDS und Lepra - drei Krankheiten, um die sich die abenteuerlichsten Geschichten ranken. Der Kampf gegen sie ist zuerst einmal ein Kampf gegen Mythen. Doch Vincent ist zuversichtlich. „Wir arbeiten ja erst seit kurzem hier und haben dennoch schon große Fortschritte gemacht.“ Davon habe ich mich bereits selbst überzeugt. In der Malteser Tuberkulose-/Leprastation des Krankenhauses in Maridi beispielsweise liegt Marko Lomone. Er ist seit zwei Monaten hier. Eigentlich arbeitet er als Soldat in Maridi. Doch eines Tages wurde er sehr krank. Seine Kollegen brachten ihn zu einer traditionellen Heilerin, die für viel Geld versprach, die bösen Geister aus seinem Körper zu vertreiben. An Markos Zustand jedoch änderte sich nichts. Irgendwann hörte er, dass eine Organisation in der Stadt sei, die sich um Kranke kümmere, und ließ sich ins Krankenhaus bringen. Dort diagnostizierten die Mitarbeiter von Malteser International Tuberkulose und begannen mit der Behandlung. Seitdem geht es wieder aufwärts mit Marko. „Und ich bin so unglaublich froh, dass mir ansonsten nichts fehlt“, sagt er. Mit „ansonsten“ meint er AIDS. Rund 25 Prozent aller Tuberkulose-Patienten sind auch mit dem HI-Virus infiziert, da Tuberkulose vor allem Menschen mit einem schwachen Immunsystem befällt. Marko ließ sich bei seiner Ankunft testen – und war HIV-negativ. Heute noch sieht man ihm seine Erleichterung an. „Ich danke Gott dafür, dass er mich vor AIDS bewahrt hat. Hier im Krankenhaus habe ich erst gemerkt, was das für eine Bedrohung ist.“ Um die Menschen über die verschiedenen Übertragungsmöglichkeiten von HIV aufzuklären, bietet Malteser International allen Patienten des Krankenhauses mehrmals in der Woche so genannte Gesundheitskurse an. Daran nimmt auch Marko regelmäßig teil. „Ich weiß jetzt, dass traditionelle Heiler keine bösen Geister austreiben. Und ich weiß, dass man AIDS verhindern kann, wenn man seinem Partner treu ist. Als Soldat ist es leider normal, andere Mädchen aufzusuchen. Ich habe meine Frau seit drei Jahren nicht gesehen und mich oft einsam gefühlt. Aber wenn ich hier raus bin, werde ich die Armee verlassen und zu meiner Frau zurückkehren. Und ich werde nie wieder untreu sein.“ Neben AIDS ist die Sicherheitslage hier ein großes Problem. Immer wieder werden Rebellenbewegungen gemeldet. „Deshalb hat hier auch jeder eine Waffe. Zur Verteidigung. Vergiss nicht, der Bürgerkrieg hat mehr als zwei Jahrzehnte gedauert. Die Gesellschaft ist noch sehr von Gewalt geprägt. Das zu ändern wird Jahrzehnte dauern… wenn kein erneuter Krieg ausbricht“, erklärt Mwanza. „Ich weiß nicht, ob die Menschen das verkraften werden. Wie die Straßen hier aussehen, hast du ja selbst schon gesehen, die medizinische Versorgung ist jetzt schon eine Katastrophe, und die Landwirtschaft hier ist auch am Boden.“ Peninas Kampf gegen Lepra Vincents Hahn kräht noch immer und ich gebe die Hoffnung auf, heute Nacht zu meinem wohlverdienten Schlaf zu kommen. Ein paar Mal öffne ich noch das Fenster, um ihn vom Fenstersims zu schubsen, aber er kommt innerhalb von Sekunden zurück. Ich ergebe mich meinem Schicksal und denke über Penina nach. Vor ein paar Tagen habe ich sie im Gesundheitszentrum von Olo getroffen. Sie hat Lepra. Die Krankheit ist glücklicherweise leicht zu heilen, solange der Patient noch keine Behinderungen aufweist. Ein Jahr lang muss Penina unter Betreuung von Malteser International nun Medikamente nehmen. Außerdem benennen alle Patienten eine ihnen nahestehende Person, die von Malteser International eingelernt wird und fortan die Einnahme der Medikamente überwacht. Im Falle von Penina ist das der Sohn ihres Bruders. Bei ihm wohnt sie auch. Denn ihr Mann hat sie vor zwei Jahren verlassen, als ihre Krankheit schlimmer wurde und keine Heilung in Sicht war. Eine kranke Frau ist im Sudan für einen Mann nutzlos. Es wird hell. Gähnend stehe ich auf. Es ist der Tag meiner Abreise. Vincents Hahn entdeckt sich selbst im verspiegelten Fenster und beginnt, wie jeden Morgen, den vermeintlichen Gegner zu bekämpfen. Draußen laufen die ersten Frauen mit schweren Wasserkanistern auf dem Kopf und ihren Babys auf dem Rücken am Haus vorbei. Während ich noch meine Sachen packe, kommt Suzy ins Zimmer und ist ganz entsetzt darüber, dass ich schon abreise. „Dabei habe ich gerade heute ein Hühnchen auf dem Markt gekauft.“ Ich versuche ihr zu erklären, dass ich leider keine Zeit mehr hätte, das Hühnchen zu essen, aber sie lässt sich nicht davon abbringen. Es schmeckt köstlich. Plötzlich frage ich mich erschrocken, ob es etwa unser Hahn ist. Trotz meines Plans, Vincent zum Schlachten seines Vogels zu zwingen, täte es mir doch wirklich leid um ihn. Aber nein, ich höre ihn noch immer gegen das Fenster hämmern und muss lachen. Er wird mir fehlen. Die Maltesermitarbeiterin Kathrin Meier bereiste den Sudan in 2008. --- Malteser International ist das weltweite Hilfswerk des Souveränen Malteserordens für humanitäre Hilfe. Die Organisation leistet weltweit Hilfe für Menschen in Not, unabhängig von deren Religion, Rasse oder politischer Überzeugung. Die christlichen Werte und die humanitären Prinzipien der Unparteilichkeit und Unabhängigkeit bilden die Grundlage der Arbeit. Bankverbindung: Malteser Spendenkonto, Konto-Nummer 120 120 120, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00, Kennwort: Sudan Artikel vom 22.07.2010 (Maltester International)
|
Republik Sudan
Hauptstadt: Khartum Unabängigkeit: seit 01.01.1956 Klima: tropisch Amtssprache: Arabisch, Englisch Größe: 2.505.808 km² Einwohnerzahl: ca. 39.000.000 Währung: Sudanesisches Pfund (100 Piaster) Telefonvorwahl: +249 KFZ-Kennzeichen: SUD Internet-TLD: .sd Zeit: Rohstoffpreise - Die heimlichen Herrscher (Westafrika) +++ Zeit: Senegalesen haben Tricksereien ihres Präsidenten satt +++ NZZ: Witze über Bärte verboten - Haft für ägyptischen Komiker wegen Beleidigung der Religion +++ taz: Flüchtlinge aus Afrika - Tod auf hoher See (Kommentar) +++ taz: Neue Proteste in Dakar- Opposition auf der Straße +++ mehr... ![]() ![]() 09.02.2012 in Berlin Worte des Lebens (Guinea) 11.02.2012 in München Toiletten für Schulen und öffentliche Einrichtungen in Entwicklungsländern: Wie mache ich alles richtig? 17.02.2012 in Berlin Afrika Kulturtag Moabit mehr... |
||||||||||||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||||||||||||