Wissenschaft » Artikel Berlin, 10.09.2010   


Kinderarbeit - Ein Beispiel aus einer Goldmine in Niger

Obwohl Kinderarbeit offiziell in Niger verboten ist, arbeiten Kinder unter 18 Jahren von mehr als 15.000 Familien in der Goldmine von Komabangou. Hinzu kommt das Wasser schleppen und Holz sammeln zur Unterstützung der Hausarbeit. Alle diese Aufgaben verhindern den regulären Besuch von Schulen. Hier setzt das internationale Programm zur Abschaffung von Kinderarbeit (IPEC-Niger), das die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ins Leben gerufen hat, an.

Acht Stunden täglich schuftet Abdou Adamou unter Tage. In der Goldmine von Komabangou rund 175 Kilometer von Niamey, der Hauptstadt von Niger entfernt, leistet der etwa 15-Jährige Knochenarbeit. In einem bis zu 80 Meter tiefen Stollen bricht er Steine aus dem Felsen und schafft sie nach draußen. Eine Schule hat der Junge seit Jahren nicht mehr besucht.

Seitdem der eigentlichen Betreiber, das kanadische Unternehmen Etruscan, die Goldmine 2001 wegen Unrentabilität aufgegeben hat, erlebt Komabangou einen wahren Goldrausch. Im April dieses Jahres wurde die Zahl der hier lebenden Goldsucher und ihrer Familien auf mehr als 15.000 geschätzt.

Auch Adamous Eltern verließen eines Tages ihr Dorf in der Hoffnung, im vermeintlichen Eldorado Komabangou ihr Glück zu machen. "Ich hätte ihn viel lieber weiter zur Schule gehen lassen. Doch im Dorf gab es niemand, der für ihn sorgen wollte", berichtete Adamous Vater "Die Zeiten sind hart, niemand nimmt heute noch ein Kind bei sich auf, an dem es nichts zu verdienen gibt", erläuterte er seine Entscheidung, den Jungen nach Komabangou mitzunehmen.

Das Problem mit den vielen Schulabbrechern in Niger ist bekannt. Der Soziologe Harouna Sadou aus Niamey nennt Gründe für den Ausstieg: "Wenn Grundschulen in ländlichen Gebieten keine Kantine zur Versorgung der Kinder haben, suchen viele Eltern vergeblich nach einer Unterbringung für ihre Kinder. Vor allem für Schüler der Sekundarstufe, für die der Staat keinen Zuschuss mehr zahlt, ist es schwierig, eine Ersatzfamilie zu finden."

Adamou fährt jetzt jeden Morgen in die Grube ein. Proviant und Wasser für seinen Achtstundentag hat er dabei. "Anfangs war es nicht leicht, doch man gewöhnt sich daran", sagte er im Interview. Wie er arbeiten mehr als hundert zehn- bis 16-jährige Kinder und Jugendliche in der Goldmine von Komabangou.

Offiziell verbietet Niger Kinderarbeit

Seit 1993 ist es in Niger verboten, Kinder in einem Bergwerk oder Steinbruch zu beschäftigen. Das Mindestalter liegt bei 18 Jahren. Doch auf dem Gelände der Goldmine von Komabangou kümmert sich niemand um das Alter der Arbeiter. "Die Arbeitgeber fragen bei der Anstellung nicht nach einem Altersnachweis, und der Staat interessiert sich nicht für diejenigen, die hier beschäftigt sind. Wir Goldsucher betreiben die Goldmine inoffiziell", erklärte Daouda Kabani, Generalsekretär des Verbandes der Goldgräber von Komabangou.

"Ganz selten kommt eine Gruppe von Inspektoren zu einer unangemeldeten Kontrolle vorbei", berichtete Ibrahim Balla Souley im Gespräch und bestätigt damit die fehlende Staatsaufsicht. Er koordiniert in Niamey landesweit ein internationales Programm zur Abschaffung von Kinderarbeit (IPEC-Niger), das die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ins Leben gerufen hat. "Das Programm IPEC-Niger wurde zwischen der Regierung und ILO ausgehandelt", erläuterte er. Es sei schwierig, sich einen Überblick über die Zahl der in Komabangou arbeitenden Kinder zu verschaffen. Die Fluktuation in dem informell betriebenen Goldbergwerk ist groß.

Die Menschen, die hier arbeiten oder einen Handel betreiben, kommen nicht nur aus Niger sondern auch aus benachbarten zentral- und westafrikanischen Ländern wie Benin, Burkina-Faso, Ghana, Mali und Togo. Kabani räumte ein, dass Kinderarbeit hier eine wichtige Rolle spielt. "Die Jungen haben verschiedene Aufgaben, in den Stollen, bei der Goldwäsche oder beim Transport von Wasser, mit dem der Staub von den Steinen gespült wird." Seinen Angaben zufolge gibt es für ein Gramm Gold umgerechnet etwa zehn bis zwölf US-Dollar.

Wer Kinder beschäftigt, zahlt ihnen 20 bis 30 Dollar monatlich und versorgt sie mit Unterkunft und Verpflegung. Erwachsene verdienen bei gleicher Arbeit das Doppelte, doch sie leisteten mehr, betonte Kabani. Der Mindestlohn für Angestellte im öffentlichen Dienst liegt in Niger bei umgerechnet etwa 50 Dollar.

Mit Wasserschleppen die Mutter versorgen

Der 13-jährige Mahamadou Aboubacar arbeitet seit drei Jahren in Komabangou. Er transportiert das in großen Mengen benötigte Wasser zu den Stollen. "Ich arbeite hier, weil ich meiner Mutter nach dem Tod meines Vaters helfen musste. Mindestens dreimal täglich hole ich Wasser und transportiere es in ein 200-Liter-Fass auf einer Karre etwa einen Kilometer weit", berichtete der Junge. Er verdient etwa sechs Dollar am Tag.

"Seitdem mein Mann gestorben ist habe ich außer meinem Jungen niemanden, der mich unterstützt", versicherte Abouacars Mutter Mamata Gado.

"Es gibt aber auch Eltern, die ihre Kinder in die Arbeit zwingen", betonte Souley. Für die Kinder wird die gefährliche Schwerarbeit schon bald zu einem Alptraum. "Sie sind vielen Risiken ausgesetzt. Sie verletzen sich an dem schweren Gerät, das sie bedienen oder werden krank, weil sie den giftigen Staub in den Stollen einatmen. Wenn ein Stollen einstürzt, schickt man die Kinder trotzdem in die Löcher zurück", berichtete Souley.

Auch HIV/Aids ein Problem

Auch anderswo lauern gesundheitliche Gefahren. Von den Prostituierten, die in Komabangou ihre Dienste anbieten, sind nach Auskunft des Mediziners Bako Bagassi 50 Prozent HIV-positiv. Er ist in Niamey Mitarbeiter eines nationalen Programms gegen die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten und HIV/Aids.

"Diese Kinder haben schon früh mit Sex zu tun", berichtete er. Bei Untersuchungen in einer medizinischen Station in der Nähe des Goldbergwerks seien auch zahlreiche infizierte Kinder entdeckt worden. Genaue Statistiken gebe es allerdings nicht, bedauerte Bagassi.

Auch die in Genf ansässige christliche Hilfsorganisation 'World Vision' bemüht sich seit 2004 in Niger um Aufklärung über das Aids-Risiko und um Prävention. "Rund einhundert kommunale Mitarbeiter haben auf dem Gelände von Komabangou und in den umliegenden Dörfern diese Aufgabe übernommen. Wir betreiben auch eine medizinische Station, in der HIV/Aids-Tests durchgeführt werden", berichtete Abdoulaye Aoumana von World Vision IPS.

Bittere Armut Hauptursache der Kinderarbeit

IPEC-Niger ist ebenfalls vor Ort in Kamabangou aktiv. Um hier lebenden Kindern noch einmal die Chance zu geben, eine Schule zu besuchen, wurde hier eine Grundschule eingerichtet. Zugleich hat das Projekt einigen Jungen zu Verdienstmöglichkeiten verholfen, etwa durch den Transport und Verkauf von Wasser.

"Heute besuchen rund 140 Kinder die Grundschule in Komabangou", berichtete IPEC-Koordinator Souley. Der Unterricht ist in drei Stufen gegliedert. Es gibt zunächst einen Einstiegs- und Vorbereitungskurs, dann beginnt der eigentliche Grundschulkurs. "Es ist uns gelungen, etliche der hier arbeitenden Eltern dazu zu bringen, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Doch aus den umliegenden Dörfern kommen nur wenige Kinder hierher", sagte der Aktivist.

"Niger hat die verschiedenen internationalen Konventionen zum Schutz von Kindern sowie die Kinderrechtskonvention ratifiziert", betonte Nigers Arbeitsminister Zakari Hamadou im Interview. Auch das nationale Arbeitsrecht verbiete Kinderarbeit, versicherte der Minister.

Für Arbeitsinspektoren sei die Kontrolle der Vorschriften schwierig, meinte Souey. Es fehle eine genaue Definition von Kinderarbeit. "Außerdem arbeiten die Kinder in Komabangou in einer informellen Grauzone, da lassen sich Verstöße nicht so leicht feststellen", meinte Souley. Vor allem aber sei die Armut in Niger Hauptursache der Kinderarbeit. 63 Prozent der 11,5 Millionen Menschen, die hier zu Hause sind, leben nach Angaben des UN-Berichtes für 2004 über die menschliche Entwicklung unterhalb der Armutsgrenze.

Artikel vom 15.08.2005 (SEC/IPS)


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Republik Niger



Hauptstadt: Niamey
Unabängigkeit: seit 03.08.1960
Klima: trocken, dürr
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Größe: 1.267.000 km²
Einwohnerzahl: ca. 13.000.000
Währung: CFA-Franc (100 Centimes)
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